2007-11-16

Politik und Wahrheit: Eine dehnbare Verbindung

--- Hat Bundeskanzlerin Angela Merkel nun das Wort beim Mindestlohn gebrochen, wie die SPD landauf, landab verbreitet, oder nicht? Die FAZ versucht sich heute in einer Analyse der politischen Debatte, um Licht ins Dunkel zu bringen.
�Die Vorw�rfe sind einfach zu verstehen, die Wahrheit ist kompliziert. Am 18. Juni 2007 befasste sich der Koalitionsausschuss mit dem Thema Mindestl�hne, �ber die in der Zwischenzeit viel gestritten wurde. CDU, CSU und SPD einigten sich auf einen Kompromiss, der auf zwei Seiten festgeschrieben ist.
Danach stimmt die Union zu, dass in das Arbeitnehmer-Entsendegesetz neben den Geb�udereinigern auch andere Branchen aufgenommen werden k�nnen und tarifliche Mindestl�hne festlegen d�rfen. Das solle aber nur f�r �Branchen mit einer Tarifbindung von mindestens 50 Prozent� gelten. Bis zum 31. M�rz 2008 sollten dazu die Tarifvertragsparteien einen �gemeinsamen Antrag� f�r ihre jeweilige Branche stellen. Wenn also nun die Arbeitnehmer, f�r die der Tarifvertrag gilt, mehr als die H�lfte aller Kollegen ausmacht, sollte �unverz�glich� ein Gesetzgebungsverfahren eingeleitet werden, das Mindestl�hne f�r diesen Sektor festlegt. F�r die SPD und auch die Union schien das f�r die Brieftr�ger zuzutreffen.

F�r Wirtschaftszweige, in denen es keine Tarifvertr�ge gibt oder nur f�r eine Minderheit der Arbeitnehmer, einigte sich der Koalitionsausschuss auf die Neuauflage des �Mindestarbeitsbedingungengesetz� von 1952. Danach k�nnen kleinere Branchen zumindest eine Lohnuntergrenze vereinbaren. Die Union wollte in jedem Fall einen generellen Mindestlohn verhindern, den die SPD anstrebte. Nach diesem Ausschuss trat Arbeitsminister M�ntefering (SPD) vor die Presse, und die wurde Zeuge eines �kontrollierten Wutausbruch�, wie er es nannte. Die Lehre des Abends sei, �dass man den Mindestlohn mit der Union nicht machen kann�. M�ntefering gab sich als Verlierer, die Union reklamierte den Sieg f�r sich. Dabei war es eher umgekehrt: Auf Dringen der SPD musste die Union, die ja gar keinen weiteren Mindestlohn wollte, ihren Widerstand gegen die Ausweitung des Arbeitnehmer-Entsendegesetzes aufgegeben. Sie �ffnete damit die Hintert�r zur Einf�hrung von Mindestl�hnen, wozu sie der Koalitionsvertrag nicht zwang.�
Dann wurde eifrig weiter verhandelt und vereinbart, den Mindestlohn f�r die Postler einzuf�hren, daf�r das Postmonopol ab 2008 aufzugeben. Die FAZ: �Niemand sagte damals ausdr�cklich, Frau Merkel habe �ihr Wort gegeben�, dass der Post-Mindestlohn in jedem Fall kommen werde. Doch trat Beck direkt nach dem Abend wie ein Sieger vor die Presse und sagte, dass �quasi ein Durchbruch� f�r den Mindestlohn bei der Post gelungen sei. Frau Merkel war das zu viel des �berschwangs. Sie widersprach nicht �ffentlich, lie� aber in Redaktionen anrufen und die Botschaft verk�nden: �Nichts ist beschlossen. Wir haben uns nur verst�ndigt, dass wir den Prozess konstruktiv begleiten.� Nur Tage sp�ter fand sich der mit Beck besprochene Kompromiss im Ergebnis der Kabinettsklausur von Meseberg wieder: �Im Zusammenhang mit der Liberalisierung des Postmarktes zum 1. Januar 2008 wird die Branche der Postdienstleistungen noch in 2007 in das Arbeitnehmer-Entsendegesetz aufgenommen, wenn die Tarifpartner einen entsprechenden Antrag stellen�, hei�t es im Protokoll. Aber einschr�nkend folgt: �Dabei geht die Bundesregierung davon aus, dass mehr als 50 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der Postbranche tarifgebunden sind.��
Seither glaubt die Union, der Tarifvertrag der Post sei nicht sauber zustande gekommen, weshalb der Mindestlohn geplatzt ist. Die Wahrheit ist manchmal eine komplizierte Sache.

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2007-10-26

Mindestlohn, Merkel und Medienschlacht

--- Ho, ha, geht es jetzt der "Springer-Presse" an den Kragen? Die Sueddeutsche erhebt heute indirekt den Vorwurf, Springer betreibe eine Kampagne, die man mit "Merkel contra Mindestlohn" umschreiben k�nnte. Ausl�ser ist die aktuelle Titelgeschichte des amerikanischen Magazins Newsweek. Darin wird Merkel als reformm�de beschrieben. Das ist vielen schon vor Monaten aufgefallen. aber weil es die deutsche Politikerin auf den Titel des US-Magazins geschafft hat, was selten einem deutschen Politikier gelingt, war der Trubel gro�. Und nicht nur das:
"Am Dienstag dieser Woche �bernahm Bild die Newsweek-Titelstory und machte im politischen Teil mit der Schlagzeile auf: "US-Magazin nennt Angela Merkel ,verlorene� Kanzlerin". Doch fehlte der Hinweis, dass Bild-Mann M�ller-Vogg zu den Kr�ften der Geschichte z�hlt. Newsweek hat die Biografien der eingespannten Texter abgedruckt. "Die Passagen, die Bild �bernommen hat, stammen nicht von den deutschen Gastautoren", teilt Springer-Sprecherin Edda Fels mit. Gemeint ist, dass sich Bild auf die Hauptgeschichte bezieht, also M�ller-Vogg nicht erw�hnt werden musste. (...) Einen Tag sp�ter als Bild - am Mittwoch dieser Woche - thematisierte die Welt, eine andere Springer-Zeitung, im innenpolitischen Teil die "M�r von Maggie Merkel". Im Mittelpunkt der Kritik ("Wirtschaft ... beklagt mangelnden Reformwillen der Regierung") steht Bild-Autor M�ller-Vogg mit seiner Newsweek-Einlassung von Merkel als einer "Politikerin ohne innenpolitischen Kompass".
An diesem Beitrag arbeitete auch die Chefkorrespondentin der Welt mit, Mariam Lau, Ehefrau des in Newsweek zitierten Zeit-Kommentators. Einen Tag vorher war Mariam Lau selbst mit einem Gastkommentar im Wall Street Journal vertreten. Ihre Kronzeugen f�r den "German Reform Blues" sind Regierungssprecher Ulrich Wilhelm und der als "ausgesprochen konservativ" vorgestellte CDU-Vertreter Volker Kauder. Um Merkel geht es auch. Haupts�chlich geht es um das Ende der Reformpolitik und um ein "Schreckensszenario": ein B�ndnis von SPD und Linken."
Die SZ sieht den Zusammenhang, dass der Springerverlag derzeit gegen den geplanten Mindestlohn in der Postbranche wettert (wir berichteten). Mit einer eigenen Firma will der Verlag der Post paroli bieten, was mit einheitlichen Mindestl�hnen schwer f�llt. Um den Mindestlohn zu verhindern wolle Springer wohl die eigene Macht demonstrieren, um Merkel zum Handeln zu zwingen, lautete die Botschaft. Springer dementiert nat�rlich. Und vermutlich zurecht. Friede Springer hat doch andere Zug�nge zur Kanzlerin als auf eine derartige Art und Weise mit den Muskeln zu spielen. Die Story hat noch andere Schw�chen, auch wenn es den bekannten Springerhass bedient. Nur weil Springer mehrere Zeitungen hat und entsprechend die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass auch ein Springerblatt wie alle anderen auch dem Leitmedium Bild folgen: Wie sollte es der Springer-Verlag schaffen, dass ein US-Magazin Merkel auf den Titel hebt? Kundige bitte melden!

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