Stefan Krempl
Krieg und Internet: Ausweg aus der Propaganda?
 
Kriegsvorspiele

Von »ernst zu nehmenden Hinweisen auf Konzentrationslager im Kosovo« spricht der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) zu Beginn des Kosovo-Kriegs Ende März 1999. Und legt noch einen Holocaust-Hammer drauf: »Ich sage bewusst KZ.« Scharping glaubt, dass das Fußballstadion von Prishtina, der Provinzhauptstadt des Kovoso, in ein serbisches Konzentrationslager mit 100.000 Menschen verwandelt worden sei. Als Quelle des Gerüchts, als das sich die Dämonisierung der serbischen Seite später entpuppt, dient die UCK, die
»Befreiungsarmee« für das Kosovo. Kurz darauf, in der Hochphase des NATO-Angriffs auf Jugoslawien, zieht Scharping Bilder eines »Massakers« der Serben an albanischen Zivilisten in der umkämpften Provinz auf einer Pressekonferenz aus der Tasche. Nur für Leute mit »guten Nerven« . Die Fotos stellen sich als Aufnahmen der Toten eines »normalen« Milizengefechts zwischen serbischen Einheiten und der UCK heraus.

Szenenwechsel: Washington, DC, Ende Januar 2003. »Die britische Regierung hat Kenntnis davon erhalten, dass Saddam Hussein jüngst in Afrika nach bedeutenden Mengen Uran gefragt hat«, malt US-Präsident George W. Bush die dunkle Bedrohung aus dem Irak vor dem Parlament und seinen Landsleuten in seiner Jahresansprache aus. Bushs hauptsächliche Quellen: ein krude gefälschtes Schriftstück aus Niger und zwei Dossiers aus der Downing Street, die Blair bei seinem Auslandsgeheimdienst MI6 bestellt hatte. Davon war eines größtenteils aus einer historischen Doktorandenstudie abgepinnt und das zweite erwarb sich bald einen ähnlichen Ruf.

Die Methoden sind immer die gleichen: Auch Vertreter westlicher Demokratien lügen, fälschen und blasen Mäuse zu Elefanten auf, sobald sie auf dem Kriegspfad sind. Die öffentliche Meinung will gewonnen werden, koste es, was es wolle. Die Medien sehen sich mit einer Flut an angefetteten, verschärften und mit einem gewissen Spin versehenen »Informationen« aus den »Kriegs- und Propagandaministerien« konfrontiert.

Das Geflecht der Gerüchte und Halbwahrheiten ist schwer zu durchschlagen, sodass sich viele Sender und Zeitungen lieber gleich in patriotischen Jubel packen. Denn Zwischenfragen gegen den Strich werden nicht mehr zugelassen oder mit einer Kaskade an Ausflüchten und neuen T äuschungsmanövern bedient.

Der Blick vieler von der offiziellen Politik und den Massenmedien
Enttäuschter richtet sich daher auf das Internet und die in ihm versammelte »kollektive Intelligenz«. Können vernetzte Kommunikationskommandos auf Mailinglisten oder in Weblogs aus dem Informationsuniversum und den Lügen die Wahrheit herausfiltern? Bietet das Netz den Ausweg aus der Propagandafalle?

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