Stefan Krempl
Krieg und Internet: Ausweg aus der Propaganda?
 
Fazit Kosovo

Nettime bildete als »Speerspitze« und Sinnbild der intellektuellen Netzdebatte eine wichtige Ergänzung zu den Kosovo-Diskursen in der New York Times sowie in der Süddeutschen Zeitung. Die Korrektivfunktion dürfte gegenüber anderen, weniger renommierten Printmedien und vor allem gegenüber der TV-Berichterstattung noch deutlich größer sein. Die Diskurse auf der Mailing-Liste konnten zwar nicht alle Erwartungen an die Netzkommunikation oder die Ziele der Gründer des Online-Forums erfüllen. Jahrhundertealte Ideale von Rede und Gegenrede und einer kommunikativen Wahrheitsfindung wurden nicht mit einem Schlag allein durch die Zusammenschaltung der vernetzten Tastaturen und der hinter ihnen sitzenden Köpfe Wirklichkeit.

Dennoch zeigten sich in den Listendiskursen Ansätze für eine offenere, Lesarten aushandelnde und vermischende Medienplattform, die vor allem die engen Beziehungen zwischen Massenmedien, Internet und Krieg deutlich machte und analysierte. Was das Hinterfragen von Propaganda, Infowar und der Einflussnahme auf die öffentliche Meinung durch die Kriegsparteien anging, erwies sich nettime den Vergleichsobjekten deutlich überlegen. Die Aufmerksamkeit der Listenteilnehmer wurde immer wieder auf diese Themen gelenkt, sodass vor allem der militärische Diskurs dagegen überhaupt nicht ankam. Die Bereitschaft der Nettimer, der kriegstreibenden Rhetorik der Mächtigen zu lauschen, war sehr gering, was sich vermutlich auf weitere Konfliktfälle ausdehnen wird. Auch wenn eine sofortige starke Einflussnahme auf die öffentliche Meinung nicht nachweisbar ist, dürften bei den Diskursteilnehmern auf nettime dennoch die Sensibilitäten gegenüber Propaganda und ihren Mitteln sowie Verbreitungsformen gestärkt worden sein.

Wenn vom Erfolg oder vom Scheitern der Online-Kommunikation am Beispiel von nettime die Rede sein soll, muss man sich immer erst vor Augen halten, welche Ansprüche die Beobachter an das Netz stellen. Die waren und sind bei vielen sehr hoch. Erfüllt wurden sie nicht alle. »Das Netz hatte nur einen geringen Einfluss auf die allgemeinen Einstellungen zum Krieg, und sogar noch weniger auf seine Führung«, resümiert Pekka Himanen (2001, 96). »Noch nicht kriegstauglich« habe sich das Internet im Kosovo-Krieg erwiesen, lautet auch das Urteil Lovinks. Nachdem die unabhängigen Medien in Serbien dicht gemacht, Journalisten getötet oder bedroht und weite Teile »Kosov@s« zerstört worden waren, habe es niemand mehr gegeben, der die »authentische« Internet-Berichterstattung aus der serbischen Provinz hätte übernehmen können. So seien für das Netz nur serbische Zeugen, Tagebücher und Rechenschaftsberichte übrig geblieben. Ihre Aufzeichnungen seien keine politischen Analysen gewesen, sondern ein »Mix aus Paranoia, Reflexion, pathetischem Mitleid, Wellen von Verzweiflung und ärgerlichen Darstellungen von Subjektivität, in die hier und dort ein paar wertvolle Bilder des alltäglichen Lebens unter außerordentlichen Umständen eingeflochten waren«.

Die Netzdebatten konnten auch die offizielle Rhetorik und die Propaganda auf allen Seiten nicht bremsen. Die weitgehenden Freiheiten der Meinungsäußerung auf der Liste führten durchaus zu einer Art »Geständniszwang«: Viele Nettimer glaubten, Anschluss an das Kommunikationsgeschehen finden und »ihren Senf« beitragen zu müssen. Denn die stetige Produktion und Rezeption neuer Information stellt ihrerseits wieder einen Anreiz zum Mitmachen und »in die Tasten hauen« dar. Eines der Hauptprobleme auf der Liste war ferner die Überidentifikation der Teilnehmer mit einer der Kriegsparteien oder den zahllosen Statistengruppen. Was ausgetauscht wurde, gibt sich neben Lovink auch sein nettime-Gründungspartner Pit Schultz im Rückblick sehr skeptisch, »waren hauptsächlich redundante quasi-authentische News-Fragmente gemischt mit O-Ton und allen möglichen Abarten unfreiwilliger Propaganda«. Dahinter sei der Wille erkennbar gewesen, »den Dingen auf den Grund zu gehen, wenn man sie nur möglichst präzise beschreibt«. Die allgemeine »Emotionsproduktion« habe etwas »Pornographisches« gehabt.

Dass die »nackten Tatsachen« des Krieges zumindest von serbischer Seite her angesprochen wurden, ist an sich gesehen aber kein Minuspunkt für die Listenkommunikation. Die Tagebücher und Augenzeugenberichte aus Belgrad und Novi Sad haben durchaus dazu beigetragen, den Bombenhagel für die Nettimer plastisch zu machen und das vom Militär gern gezeichnete Bild eines sauberen Krieges zu konterkarieren. Zumindest blieben sie vielen Listenmitgliedern als die markantesten Beiträge aus dem gesamten Kriegsdiskurs im Kopf. Gegenüber den ebenfalls sehr bildhaften und ausdrucksstarken Korrespondentenbeiträgen aus Serbien etwa in der New York Times hatten sie den Vorteil der »direkten« Kommunikation. Diese beeinflusst die Empfänger bzw. Interaktionspartner in der Regel stärker als die Massenkommunikation. Nicht umsonst schienen so manchem Listenteilnehmer die Worte der Amateurreporter viel ungetrübter und inhaltsreicher als die »objektiven« Berichte der traditionellen Medien, auch wenn sie letztlich mindestens genauso stark dem Propagandavorbehalt unterlagen wie diese. Das potenzielle Ziel der bewussten Beeinflussung der Leserschaft durch unterschiedliche Interessengruppen wurde auf nettime jedoch zumindest permanent gegenwärtig gehalten. Dass demokratisch gewählte Repräsentanten und ihre Organisationen zu ähnlichen Mitteln im Kampf der Worte und Bilder greifen wie Diktatoren, stand im medienkritischen Diskurs auf der Liste mit im Vordergrund.

Probleme ergaben sich weniger aus nicht angesprochenen Themenfeldern, als vielmehr durch einen vor allem in den ersten Kriegswochen zu starken Nachrichtenfluss. Es kam zu einer Reizüberflutung, zumal davon auszugehen ist, dass die meisten Listenabonnenten parallel auch Rundfunk und Printmedien verfolgten. Somit erklärt sich die lange und selbstbezogene Debatte für und wider eine verstärkte Listenmoderation, die -- wie so manch anderer Flame-War -- auch durch die »Gesichtslosigkeit« der rein textbasierten E-Mail-Kommunikation angeheizt wurde. Letztlich lässt sich der aus zahlreichen Quellen gefütterte »Informationsreichtum« aber auch als Vorteil darstellen, wenn man ihn als Grundstoff des eigenen Medienüberblicks nimmt. Dazu gehört jedoch ein entsprechend »medienkompetenter«, selektiv vorgehender Nutzer.

In den zum Vergleich stehenden Zeitungen war keineswegs nur Schund rund um den Kosovo-Krieg zu lesen. Natürlich sitzen dort häufig erfahrene Journalisten, die über gute Beziehungen zu den »großen Akteuren« im politischen und militärischen Geschäft verfügen, Analysen verfassen und Ereignisse in Gesamtkomplexe einordnen können. Gerade die New York Times glänzte hier mit ihrer internationalen Berichterstattung, die von einem gut ausgebauten Korrespondentennetz lebt und reich ist an -- wenn leider auch häufig anonymisierten -- Zitaten von Diplomaten und Mächtigen. Zudem ziehen die großen Zeitungsnamen intellektuelle Größen und Denker an, die »exklusiv« für sie Stellungnahmen abgeben und so die Debatte weit über den eigenen Tellerrand hinaus befruchten. Ein Pfund, mit dem sowohl die Times als auch die SZ wuchern können, während die Nettimer hier hauptsächlich auf Forwards und damit auf ein medienparasitäres Verhalten angewiesen sind. Dafür ergibt sich aus dem kollektiven Textfiltern der Listenteilnehmer aber eine bessere und weiter gespannte Diskurs übersicht.

Sowohl die New York Times als auch die SZ beten gleichzeitig jedoch in sehr viel stärkerem Maße als die Nettimer die offizielle Rechtfertigungsrhetorik ihrer jeweiligen Regierung sowie von NATO-Vertretern nach. Ein journalistischer Ehrgeiz, diese zu hinterfragen und machtpolitische Interessen oder weltpolitische Verstrickungen aufzuzeigen und investigativ zu recherchieren, schimmert nur selten durch. So werden auch spektakuläre Falschmeldungen übernommen. NATO-Speak schleicht sich in viele Beiträge ein; bei der SZ kann sich der Brüssel-Reporter gar von seiner Vorliebe für den smarten Shea überhaupt nicht lösen. Krieg, Medien- und Propagandakritik werden weitgehend in Enklaven wie das Feuilleton bei der SZ oder die Belgrad-Reporte der Times »verbannt«. Dort dürfen sie zwar ein ausdrucksstarkes Leben entfalten, aber eben auch nur da. Strikt getrennte Parallelwelten öffnen sich vor dem Leser, die dieser selbst diskursiv zusammenführen muss. Auf der Mailingliste mischen sich die unterschiedlichen Stimmen dagegen sofort und können zudem in eine direkte Kommunikation miteinander treten.

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