Stefan Krempl
Krieg und Internet: Ausweg aus der Propaganda?
 
Resümee: Propagandisten aller Länder, vereinigt Euch!

Propaganda ist immer und überall, dies hat der Rundgang durch die Medien- und Kriegsgeschichte sowie die Detailanalyse des Kosovo- und des Irak-Konflikts deutlich gemacht. Nicht nur despotische Diktaturen, sondern auch demokratische Regierungsmitglieder und Militärführer nutzen ihr gesamtes Spektrum von überzogener Rhetorik über Falschdarstellungen und die übliche Dämonisierung des Gegners bis hin zu kleinen und großen Lügen. Ihre militärische Indoktrination hat die Propaganda im umfassenden Konzept des Infowar bzw. der Informationsoperationen gefunden, in dem auch die hauptsächlich auf die gegnerischen Truppen und ihre Oberbefehlshaber gerichteten psychologischen Beeinflussungsmanöver, die PSYOP, zunehmende Bedeutung erlangen. Es geht um die Entfachung eines »Geistkriegs«, ohne den sich die politischen und die militärischen Demagogen nicht in der Lage sehen, die Medienmacher, das Volk und die öffentliche Meinung auf ihre Seite zu ziehen.

Die Massenmedien sind schon von ihrer strukturellen Anlage als Aufmerksamkeitsverstärker her häufig nicht in der Lage, den von den wichtigsten Nachrichtenmachern wie dem Weißen Haus, dem Pentagon, den Außenministerien oder ihren nationalen Regierungshäusern entfachten Propagandastaub zu durchdringen oder ihn bewusst argumentativ wegzuwischen. Die Studien haben aber zumindest gezeigt, dass nicht alle pauschalen Vorwürfe gegen »die manipulierbaren Massenmedien« berechtigt sind. Viele ernsthafte Bedenken gegenüber der Richtigkeit kriegerischer Auseinandersetzungen fanden zwar auch in den ausgewählten liberalen Zeitungen, der New York Times und der Süddeutschen Zeitung, kein Gehör. Dies zeigte sich vor allem während des Kosovo-Krieges, den die »linken« Regierungen in den Produktionsländern der beiden Druckschriften mittrugen. Sowohl die Times als auch die SZ übernahmen 1999 die offizielle Rechtfertigungspropaganda in der Regel ohne einen Hauch von Skepsis auf ihren Politik- und Nachrichtenseiten. Fragezeichen setzten allein die Korrespondenten in Belgrad bzw. in der Süddeutschen auch die Feuilletonmacher. Deutlich besser fällt die medien- und propagandakritische Bilanz für den Irak-Krieg aus, auch wenn sich die Times der unaufhaltsamen »Beweis-Show« ihrer Regierung im Streit um die Gefährlichkeit des irakischen Waffenarsenals nicht entziehen konnte.

Die Stimmenvielfalt, die sich im Internet während des Kosovo- und -- verstärkt noch -- während des Irak-Kriegs herausgebildet hat, lässt sich dagegen durchaus als neue Form der Gegenöffentlichkeit begreifen. Gegenöffentlichkeiten sind offener für Impulse der an sie angeschlossenen und in ihnen vernetzten Bürger und positionieren sich jenseits der Zirkel der administrativen Macht, wie Habermas in seinem Buch »Faktizität und Geltung« ausführt. Als ihre Charakteristika gelten zudem die Authentizität der Berichterstattung und die Autonomie der Berichterstatter (vgl. Löffelholz 1993, 31). Die Internet-Chronisten des Krieges aus erster Hand, die ihre Einträge während des Kosovo-Konflikts beispielsweise über die Mailingliste nettime schicken und mit der Salonfähigkeit des eigenen Online-Logbuchs zur Zeit des Irak-Konflikts ihre eigenen Web-Gazetten füllen, entsprechen damit geradezu der »Schulbuch-Definition« von Gegenöffentlichkeit. Vielleicht sollte man auch so weit gehen zu sagen, dass erst mit dem Internet und seinen Kommunikations- und Informationsplattformen überhaupt eine interaktive, demokratische Öffentlichkeit entsteht. Denn bisher fand der Austausch der Bürger untereinander im hehren Konstrukt der Öffentlichkeit allen Massenmedien zum Trotz hauptsächlich im engen Gespräch in der Kneipe -- und damit eher im »kleinbürgerlichen« Rahmen -- statt.

Insbesondere die politische Arena der Blogosphäre mit ihrer Lust an der Medienkritik und der Analyse offizieller Texte erweitert die Bandbreite der meinungsmachenden Akteure und rüttelt an der Vorstellung der Unfehlbarkeit der traditionellen Mächte. Sie ist eine ständige Einladung zur Re-Interpretation von Nachrichten und zur Konversation in Kommentarforen, per E-Mail oder als Verlinkung in einem weiteren Blog. Auch wenn letztlich vor allem die Autoren der Logbücher selbst die Macht haben, Informationen in einen Bewertungsrahmen und Kontext zu stellen. Doch mit Sicherheit gibt es zwei Sites weiter einen anderen Blogger, der dieselbe Sache ganz anders sieht. Wichtig ist aber das Bemühen aller ernsthaften Blogmeister, einen transparenten Umgang mit Quellen zu pflegen und direkt auf die zu einem Kommentar anregenden Nachrichten zu linken. Letztlich machen die menschlichen Webfilter so verteilte Infos auf einen Blick zugänglich.

Die Personalisierung der Informationsvermittlung, die mit den Zeitungskolumnisten, Talkshow-Moderatoren und der allgemeinen Expertensucht der Massenmedien längst in vollem Gange ist, wird durch die Blogs damit auf die nächste Stufe gehoben. In seinen Gedanken zum Krieg im Medienzeitalter äußerte Florian Rötzer während der Schlacht der Bilder und Texte im Zweistromland in Telepolis die Vermutung, dass »in der digitalen und vernetzten Lebenswelt die Information selbst, weil sie so billig und im Überfluss vorhanden ist, an Wert verlieren wird«. Gleichzeitig würden die Glaubwürdigkeit und der Kontext, den Personen oder Organisationen schaffen, an Bedeutung gewinnen. Gerade die »unverschleierte Subjektivität des Dargestellten« könnte im Gegensatz zur scheinbaren Objektivität des professionellen Kamera- oder Reporterauges Vertrauen schaffen.

Die jüngsten medialen Großkriege geben dieser Vermutung Recht. Blogs und Mailinglisten lassen tatsächlich jeden interessierten Internet-Nutzer mit minimalem Aufwand zum Sender neben den herkömmlichen Redaktionen werden. Sie schaffen die Möglichkeit, einen neuen, personalisierten Blick auf die medienvermittelte Wirklichkeit und die Alltagsrealität zu werfen. Jede dieser einzelnen Stimme ist vernetzt mit anderen Perspektiven, sodass sich ein umfassendes Bild der Welt öffnet. Wer in diese Infosphäre eintaucht und sich nur halbwegs auf sie einlässt, dem wird es schwer fallen, den offiziellen Propagandabemühungen Glauben zu schenken. Vor allem macht es das Infouniversum leichter, die rhetorischen Finten und psychologischen Tricks der Kriegstrommler überhaupt als Propaganda zu erkennen, da sie beim gemeinschaftlichen und verlinkten Filtern nie lang verborgen bleiben. Kritische Blogs, Mailinglisten, Online-Foren und die sich aus vielen anderen Quellen und Publikationsräumen speisende Gesamtheit der vernetzten Öffentlichkeit stellen so ein Gegengift zur zunehmenden Propaganda der traditionellen Mächte dar.

Das ist natürlich eine abstrahierte Darstellung, die sich in Reinform als kompakte »Gegenöffentlichkeit« so nicht auf den ersten Klick im Netz wieder findet. Einzelne Blogs oder E-Mails auf Netzverteilern können durchaus bewusst oder unbewusst Propaganda verbreiten und Desinformationen streuen. Ein wenig Kompetenz im Umgang mit dem Universalmedium der Informationsgesellschaft braucht es, um den Durchblick zu bewahren. Allerdings wird durch die unterschiedlichen Blickwinkel, denen man sich als Surfer und E-Mailer kaum entziehen kann, das Misstrauen gegenüber den naturgemäß einfach gestrickten, eindimensionalen Behauptungen der Propagandisten geschürt.

Wer keinen Zugang zum Netz hat, dem bleibt die alternative Medienwelt verschlossen. Die viel beschworene digitale Kluft zwischen »Usern« und »Losern« entpuppt sich in diesem Fall als echtes Hemmnis für den »gut informierten Bürger«, wie ihn das Demokratie-Ideal fordert. Das Gegengift könnte zudem nicht greifen, wenn Regierungen weiter an der Schraube der Netzzensur drehen und das Internet, das von ihnen mehr und mehr als Bedrohung ihrer Verlautbarungshoheit erkannt wird, in einen komplett überwachten Raum der Unfreiheit verwandeln. Noch ist die kritische Netsphäre ein nicht allen Menschen offen stehendes, in hohem Maße selbstreferenzielles Universum mit einem gewissen Echokammer-Effekt, in dem sich einmal in die Welt gesetzte »Meme«, also übergreifende Informationsmuster und Ideen, selbst verstärken können. So hat eine Ende März 2003 durchgeführte Umfrage des »Pew Internet & American Life Project« unter 1600 amerikanischen Internet-Nutzern ergeben, dass Warblogger zwar »eine Gefolgschaft unter einer kleinen Anzahl von Usern gewonnen haben«. Sie seien aber »für die Mehrheit der Nutzer noch keine Quelle für Nachrichten und Kommentare«. Nur vier Prozent der Befragten gaben an, Informationen von Weblogs bezogen zu haben.

Insgesamt nannten andererseits 66 Prozent der Teilnehmer als Grund fürs Online-Gehen während des Irak-Kriegs, dass sie dort eine größere Bandbreite an Quellen finden würden. 52 Prozent suchten direkt nach »Blickpunkten, die sich von denen der traditionellen Medien unterscheiden.« 15 Prozent interessierten sich zudem für »das Land Irak und seine Bevölkerung«. Ganze 55 Prozent der befragten US-Onliner nutzten ferner E-Mail in Verbindung mit dem Krieg. 18 Prozent davon diskutierten auf diesem Wege mit Freunden über die Ereignisse am Golf, zehn Prozent hatten Informationen erhalten, die sich gegen den Krieg aussprachen, und sieben Prozent solche, die dafür votierten. 29 Prozent nutzten den Mail-Dienst aber für das Austauschen von »patriotischen Materialien und Gef ühlen«.

Die Studie weist darauf hin, dass die Blogger auf die Masse der Surfer noch keinen Einfluss haben. Interessant wäre zu wissen, ob sich zumindest die Redakteure und Reporter in den traditionellen Medien tatsächlich in dem Maße von den Warbloggern beeindrucken lassen, wie es ihre Vorreiter gern postulieren. Doch das geht nicht aus der Pew-Umfrage hervor. Hier sind noch gesonderte Umfragen und detaillierte Vergleichsanalysen nötig. Allgemein ist das Feld der konkreten kommunikationsund diskursbezogenen Netzstudien noch sehr überschaubar, sodass dieses Buch hier eine Lücke zumindest teilweise zu schließen suchte. Denn Weblogs und Mailinglisten sind für Millionen von Nutzern bereits zum festen Bestandteil ihres Medienmixes oder gar zu ihrer hauptsächlichen täglichen Informationsquelle geworden. Man muss kein Hellseher sein, um ihnen auch künftig gerade in nachrichtenreichen Konfliktzeiten eine wachsende Bedeutung zuzusprechen und die Medienwelt vor weiteren Umbrüchen stehen zu sehen.

zurück zum Inhaltsverzeichnis