Stefan Krempl
Krieg und Internet: Ausweg aus der Propaganda?
Wer was zu sagen hat, der blogge
Logbücher im Web sind der hype de jour im Internet. Wer online eine Stimme haben will, kommt an einem eigenen Weblog kaum vorbei. Während des Irak-Kriegs haben die Blogger bewiesen, dass ihre vernetzte Infosphäre eine ernsthafte Alternative zur naturgemäß stärker beschränkten Welt der Massenmedien bietet. Die Warblogs halfen, dsie Propaganda aller Seiten zu identifizieren und den Nebel des Kriegs ein Stück weit zu lüften
Aus: Computerworld 38/2003, S. 32f.
"Krieg ist zum Kotzen" -- dieses Fazit zieht Salam Pax, als er sich nach zweiwöchigem Abtauchen in der Bagdader Bombenwirklichkeit am 7. Mai wieder in seinem Weblog zu Wort meldet. "Lassen Sie sich bloß nicht überreden, dass jemand einen Krieg im Namen ihrer Freiheit führt", schreibt der den Frieden gleich doppelt -- arabisch und lateinisch -- im Namen führende Iraker. "Irgendwie denkt man nicht mehr an seine 'unmittelbar bevorstehende Befreiung', wenn die Bomben zu fallen beginnen und man das Geknatter der Maschinengewehre am Ende seiner Straße hört." Mit derartigen Einblicken, die den rhetorischen Propagandabemühungen aller Kriegsparteien keck widersprechen und sie auf das Erleben der normalen Menschen herunterbrechen, avancierte Salam Pax schon Wochen vor dem Krieg zum Liebling der Surfer und der Medien. Für viele Nutzer stellte er den ersten Berührungspunkt mit dem Universum der Blogger dar. Erst auf der Suche nach Informationen jenseits von CNN und Fox News mit ihren eingebetteten, in Patriotismus schwelgenden Korrespondenten stießen sie auf Salam und die Blogosphäre, das Reich persönlicher Nachrichtenschauen und unabhängiger Reportagen.
Salam Pax galt während des Wüstenfeldzugs als "ungekrönter König der Blogger" (Spiegel Online). Nick Denton, Medienmacher und selbst begeisterter Logbuchverfasser, kürte den Chronisten des Bagdader Alltags gar zur "Anne Frank" des Irak-Kriegs. Der Held zahlreicher Netzgeschichten berichtete während des Waffengangs am Golf -- im Gegensatz zu den "klinischen" Videoaufnahmen aus den Laser-gesteuerten Bomben -- "von unten" aus einer unzensierten Sicht auf die Dinge. Als etwa der Krieg im Februar immer näher rückt, hält Salam der Propaganda des US-Präsidenten halb spöttisch, halb geängstigt entgegen: "Erinnern Sie sich an die Zeit vor dem letzten Golfkrieg? All diese großen Reden? 'Wir haben es auf diplomatischem Wege versucht, aber Blablabla?' Genauso ist es jetzt. Es ist wie die 'Wiederholung eines schlechten Films', von der Bush sprach."
Salam hat sich mit solchen Pointen einen Namen gemacht und darf seit Ende Mai eine Kolumne im englischen Guardian füllen. Mitte August konnte er sein Buch "The Baghdad Blog" anpreisen. So viel Ruhm schafft auch Neider, die sich vor allem daran aufhängen, dass der irakische Blogger sich nach wie vor hinter seinem nome de blog versteckt. Schon während des Kriegs war viel spekuliert worden über seinen Hintergrund. Selbst notierte er daher genervt von all den Fragen nach seiner Identität am 21. März: "Ich bin Niemands Propagandawerkzeug, nur mein eigenes." Peter Maas, ein Autor des New York Times Magazine, bezeugte schließlich Anfang Juni in der Webpostille Slate die "Echtheit" des geheimnisvollen Kriegschronisten: Salam habe für ihn als Übersetzer gearbeitet.
Unterstützung hat der Erfolgsblogger inzwischen von weiteren Web-Chronisten aus dem Zweistromland wie der Irakerin "Riverbend" und ihrer Site "Baghdad Burning" erhalten. Insgesamt ist die Blogosphäre aber nach wie vor amerikanisch dominiert. Rechtsprofessoren wie Glenn Reynolds von der University of Tennessee oder Lawrence Lessig von der Stanford University tun es schon seit längerem in den USA. Urgesteine der Computerwelt wie Mitch Kapor oder Ray Ozzie sind am Start. Professionelle Journalisten wie der Technologiekolumnist der San Jose Mercury News, Dan Gillmor, oder der gebürtige Brite Andrew Sullivan, ein ehemaliger Redakteur des US-Magazins The New Republic, gehören zu den obsessiven Pionieren der Bewegung. Selbst demokratische Präsidentschaftskandidaten wie Howard Dean oder Gary Hart können nicht mehr ohne
Bloggen ist zusammen mit der Popularität seiner Macher zum Lifestyle-Trend im Netz avanciert. Es dient der permanenten Selbstbestätigung und gleichzeitig als Signal nach außen, dass man etwas zu sagen hat. Schnell bei Technorati.com -- auch als "Egorati" geschmäht -- gecheckt, wie viele Links man von den Mitstreitern erhalten hat. Ein kurzer, neidischer Blick auf die sich aus Links und Zitierungen zusammensetzenden Rankings der speziellen Suchmaschine Daypop.com, wo die "Top Weblogs" aber doch immer dieselben Gesichter zeigen: den bärtigen Weblog-Papa Dave Winer, den seine Weisheiten im Akkordtempo raus hauenden InstaPundit Reynolds oder den seit der Lewinsky-Affäre legendären "Aufklärer" Matt Drudge. In den Top Ten halten sich zudem tapfer die von mehreren Autoren bestückten Nachrichtenmixer boingboing, die täglich ein "Verzeichnis wundervoller Dinge" erstellen, und Slashdot, das 1997 gestartete, "News for Nerds" sammelnde Online-Refugium der Open-Source-Welt.
"Alle sollten ein Weblog betreiben, so sie denn irgendein Interesse daran haben, ihre Meinung mit anderen zu teilen", konstatiert Jorn Barger. Er muss es wissen, denn er hat den Begriff 1997 geprägt und betreibt selbst den "Linkhub" Robot Wisdom. Die Geschichte der Blogs beginnt aber schon 1993. Ein Jahr, nachdem Marc Andreessen am National Center for Supercomputing Applications der University of Illinois at Urbana-Champaign den ersten funktionierenden Webbrowser (Mosaic) entwickelt hatte, startete er an seiner Institution eine verlinkte "What's New?"-Übersicht für das junge Medium. Eines der ersten "Mikro-Portale" war geboren, auch wenn die heutigen Weblogs schon allein auf der technischen Seite viel ausgeklügelter sind.
Doch vor den aktuellen Blog-Boliden kamen die Online-Tagebücher, in denen Surfer -- und gerade auch Surferinnen -- ihr Leben mit allen Freuden und Frust ins Web ausschütteten. Die Kanadierin Carolyn Burke soll die erste gewesen sein, die Anfang 1995 ihre exhibitionistische Cyberexistenz startete. Mit groß gemacht hat das Genre Justin Hall, der 1994/95 während eines Praktikums beim Online-Magazin Hotwired in die Webkultur eindrang, und sein Dasein im Web bis heute unter der bezeichnenden Adresse www.links.net führt. Sein Online-Treiben bezeichnete Hall einmal mit den Worten: "Es ist wie Textverarbeitung in der Öffentlichkeit". Obwohl ein gewisser Drang zur Selbstdarstellung das Wesen so manches Blogs ausmacht, wollen viele in der Szene von diesen Wurzeln aber nichts wissen. "Der Schockwellenreiter rastet regelmäßig aus, wenn man Weblogs mit Tagebüchern verwechselt", wettert Deutschlands wohl bekanntester Blogger, der Berliner Jörg Kantel, in der für das Genre typischen sendungsbewussten Art. Seinem Hund Zebu, seiner Gattin Gabi und den gemeinsamen Spaziergängen räumt er dennoch viel Platz in seinem "Nicht-Tagebuch" ein. Eine persönliche Note schadet ja nicht, gilt eher als Bedingung für ein gutes Blog, solange daneben noch Inhalte mit Tiefgang stehen. Beim Schockwellenreiter, der "nebenbei" EDV-Leiter am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin ist, handelt es sich dabei in der "täglichen Ration Wahnsinn" hauptsächlich um Computer- und Netznews sowie Glossen mit lokalem Bezug zur Hauptstadt.
Thematisch ist die Blogosphäre so weit gefasst wie das Leben und das Internet. Es gibt nichts Menschliches, was den Bloggern fremd wäre. So lassen sich bei Shithappens "Offbeat News" auf deutsch lesen, während es beim Girl Detective um prosaische Schreibübungen, nicht etwa ums Aufspüren paarungswilliger Damen geht. Auch in der Schweiz wird das Bloggen immer populärer. "Täglich denkwürdige News" hält etwa der sinktank bereit, während der LeuMund und der selbsterkorene "Web Wizard" Ubique aus sehr persönlicher Sicht "über das Leben, den Zeitgeist und den ganzen Rest" philosophieren. Ähnlich hält es auch der Sunflyer Andreas, der als Programmierer der Weblog-Software sunlog diese auch für sein eigenes Online-Tagebuch nutzt. Ferner gibt es in der Schweiz vermehrt bloggende Medien-Wachhunde wie die Macher des Dienstraums oder des Medienspiegels. Das alles und noch viel mehr ergibt einen anschwellenden Bocksgesang aus "Stammtischgepolter, Expertenwissen und unabhängiger Informationsvermittlung", resümiert Martin Hitz, ehemaliger Leiter von NZZ Online und Kopf des Medienspiegels.
Die Blogger agieren in ihrem täglichen Rundblick wie DJs, die aus vorhandenem Material -- in diesem Fall meist den Berichten der traditionellen Medien -- eine persönliche Show kreieren und einen "Mehrwert" für ihr Publikum schaffen, sagt Thomas Burg, der im Frühsommer erstmals seine Bloggerkollegen zu einer eigenen Konferenz nach Wien geladen hatte. Wofür die Leser sogar zu zahlen bereit sind: zwar ist es für die meisten Blogger tabu, sich an den Trend zum "Pay Web" anzuhängen. Dafür halten sie aber mit Online-Zahlungsfunktionen wie PayPal die Hand auf und hoffen auf Spenden. Viel gelesene Blogger verdienen sich zudem auch über die von ihnen ausgelösten Verkäufe von Büchern oder Merchandise-Artikeln ein Zubrot. Davon lässt sich sogar leben: Sullivan machte im vergangenen Jahr mit seinem Daily Dish rund 6000 Dollar monatlich auf diese Weise.
Wirklich bekannt wurden die Blogs erst mit ihrer Politisierung im Zuge des 11. September. Zu dieser Zeit entstanden die ersten Warblogs, die den "Krieg gegen den Terror" und seine mediale Darstellung bis heute begleiten. Rechtskonservative Geister wie Mickey Kaus, Reynolds, Sullivan oder der in Los Angeles beheimate Rechtsprofessor Eugene Volokh waren die ersten, welche die netzöffentliche Meinungskraft der Blogs entdeckten. Sie dominieren bis heute das Feld. Links von der Mitte stehende Köpfe wie Sean-Paul Kelley mit dem Agonist oder Markos Moulitsas Zúniga mit DailyKos verlegten sich erst Mitte 2002 aufs Bloggen. Im Vorfeld des Irak-Kriegs gelang es ihnen mit weiteren Gleichgesinnten aber den Begriff "Warblog" inhaltlich neu zu besetzen, indem sie sich zum gleichnamigen Meta-Blog zusammenschlossen und dort ein Nachrichtenportal für Kriegsgegner aufbauten.
Während des Irak-Kriegs entfaltete sich zwischen rechten und linken
Warbloggern eine regelrechte Schlacht um die Interpretationshoheit der
von der Front und aus den Regierungssitzen strömenden Informationen.
Die konservativen Leitblogger Reynolds und Sullivan sind von Anfang an
für den Krieg, wittern bei den internationalen Meinungsmachern BBC
und New York Times eine linke Verschwörung und sehen nur das Positive,
das die Irak-Intervention mit sich bringt. Ihre Medienschelte geht dabei
häufig soweit, dass sie der Chefredaktion der Times nahe legen,
ihnen unangenehme Kolumnisten wegen "Unehrlichkeit" oder "Recherchefaulheit" nicht
mehr zu Wort kommen zu lassen. Unterstützt werden sie von Neuzugängen
in der Blogosphäre wie dem angeblich direkt von der Front seine
Weisheiten verbreitenden Sgt. Stryker, die von den "Lügen" der
Reporter über die schlecht geredete Situation im Irak die Nase voll
haben und selbst an die Netzöffentlichkeit treten.
Die linken Blogger lenken die Augen der Leser dagegen immer wieder auf
Propagandalügen, auf Desinformationen der offiziellen Seite und
der "gleichgeschalteten" Medien,
auf die finanziellen und sozialen Kosten des Kriegs sowie auf Anhaltspunkte
für Sand im Getriebe der amerikanischen Militärmaschine. Bush
steht im Zentrum der Kritik. Ein besonderer Streich in journalistischer
Hinsicht gelang dabei Christopher Allbritton mit seinem zum linken Warblogger-Zirkel
gehörenden Logbuch Back to
Iraq. Der freie
Journalist war als Reporter für die Agentur AP schon einmal im Irak,
sah Ende 2002 aber keine Finanzierungsmöglichkeit für einen
Trip an den Tigris. So bat der Blogger seine Leser um Spenden für
die Finanzierung. Das Experiment gelang: Mitte Februar hatte Allbritton über
10.000 Dollar zusammen. Einen Monat später machte er sich auf den
Weg gen Bagdad mit dem guten Gefühl, "dass ich zum ersten Mal
in meiner dreizehnjährigen Zeit als Journalist eine Berichterstattung
mit nur einer einzigen Verantwortung ausüben kann -- der gegenüber
den Lesern." Exklusiv für sie berichtete er etwa über
den Fall von Kirkuk und die Einnahme Tikrits und hat einige Spekulationen über
die Geburt eines neuen "Mikro-Journalismus" ausgelöst,
für
den Reporter eine Eins-zu-Eins-Beziehung zu ihren Abnehmern aufbauen.
Insgesamt haben sich gerade die Warblogs so als fester Bestandteil des
täglichen Medienmixes informationshungriger Surfer etabliert und
die Bandbreite der Stimmen, die teils authentisch aus erster Hand berichten
oder die Fülle der Informationen im Web filtern, deutlich erhöht.
Wer in diese Infosphäre eintaucht und sich nur halbwegs auf sie
einlässt,
dem wird es schwer fallen, den gerade in Kriegen überhand nehmenden
offiziellen Propagandabemühungen Glauben zu schenken.
Infokasten: Mit XML und RSS durch die Infosphäre
Weblogs lassen sich am besten als Fortsetzung des Logbuchs auf dem Raumschiff
Enterprise mit online-spezifischen Mitteln beschreiben. So wie Captain
Kirk seine Erlebnisse in der Sternenwelt aufzeichnete, nehmen Blogger
ihre Sicht auf das erlebte Rundherum und die medial vermittelte Wirklichkeit
auf. Ihre wichtigste Gemeinsamkeit ist das chronologisch geordnete Format,
bei dem die "Nachrichten" des Tages ganz oben stehen. Alle
Blogs verfügen zudem über meist sehr gut gepflegte Archive.
Die Selbstbespiegelung der Szene unterstützt ferner die zum Standard
von immer mehr Netzchroniken gehörende "Talkback"-Funktion,
die Erwähnungen eines
Eintrags in anderen Blogs aufspürt. Technisch unterstützt werden
solche Delikatessen durch Metaformate wie XML (eXtensible Markup Language)
und RSS (Rich Site Summary), die Überschriften oder Zusammenfassungen
maschinenlesbar und die Inhalte der Infosphäre besser vernetzbar
machen. Viele Blogger bieten für die Interaktion mit den Lesern
ferner Kommentarfunktionen an. Ziemlich einfach erstellen lassen sich
die Online-Chroniken spätestens
seit August 1999, als der inzwischen von Google aufgekaufte Dienst Blogger.com
an den Start ging. Aber auch Publikationstools und Online-Umgebungen
wie 20six.de, UserLand, Movable Type, Greymatter oder Blogstrasse.de
oder die
neu eingeführten "Journale" bei AOL sind von Normalsterblichen
teilweise ohne große Programmierkenntnisse handhabbar. Das hat
geholfen, Blogs zum "Massenphänomen" zu machen: der CyberAtlas
hat im Juni 2003 2,4 bis 2,9 Millionen aktive Weblogs gezählt.
