2009-04-02

re:publica: Die deutsche Bloggerszene nach dem Hype

Deutsche "Alpha-Blogger" zeigten sich zum Auftakt der gr��ten Konferenz der noch jungen "Branche" in Berlin gr��tenteils ern�chtert �ber die eigenen M�glichkeiten und ihre gesellschaftliche Relevanz. "Die ganz gro�e Aufregung um Blogs ist verschwunden", konstatierte Stefan Niggemeier, der als klassischer Medienjournalist und Blogger seit einigen Jahren zwischen beiden Welten wandelt, am heutigen Mittwoch auf der re:publica. Die traditionelle Presse habe herausgefunden, "dass man sich aus Sicht des Publikums" nicht wirklich mit den eifrigen Betreibern von Webjournalen besch�ftigen m�sse. Zugleich zeigte sich der Autor entt�uscht dar�ber, "wie wenig eigenen Content Blogs generieren". Die meisten w�rden nach wie vor als zwar durchaus interessante Wegweiser zu interessanten Inhalten im Web fungieren, diese aber nur in selten F�llen selbst publizieren oder "gro�e politische Debatten" starten. Das Potenzial von Weblogs liege so ziemlich brach, vermisste Niggemeier "viel mehr Leute mit Sendungsbed�rfnis".

Robert Basic, der mit der Versteigerung seines Stammblogs "Basic Thinking" f�r 46.902 Euro vor kurzem einen gr��eren Medienrummel ausl�ste und mittlerweile seine Notizen unter eigenem Namen weiter f�hrt, beklagte eine Medienkampagne gegen die Konkurrenz von unten. Die Betreiber von Web-Journalen seien gerne als "Pyjama-Blogger" abgetan worden und dem h�tte die Szene zu wenig entgegengesetzt: "Wir haben uns beeinflussen lassen von den Stimmen, die aus der Presse kamen." Selbst verdient Basic aber monatlich zwischen 3000 und 5000 Euro mit Bloggen und kann sich nicht �ber mangelnde Aufmerksamkeit beschwerden. Er r�umte auch ein, dass sich die Vorturner der Zunft manchmal etwas zu wichtig genommen h�tten: "Wenn du gelesen wirst von ein paar tausend Leuten, denkst du, du bist der King."

Vor allem auf spezielle Themen zugeschnittene Blogs florieren laut Sascha Pallenberg, Betreiber von Netbooknews.de, unterdessen: "Ich bin vom Erfolg v�llig �berrannt worden." Schon zwei Monate nach dem Start seiner Aktivit�ten vor eineinhalb Jahren habe er seinen Job in den USA gek�ndigt, nach drei Monaten bereits f�nfstellige Ums�tze gemacht und pendele nun zwischen den Kontinenten. Viele deutsche Kollegen w�rden aber zu viel nachdenken, statt einfach zu experimentieren. Weitere Besonderheit der deutschen Blogosph�re sei es, dass "mehr gegen- als miteinander gearbeitet wird". Es gebe auch wenig "professionelle" Blogger hierzulande, stichelte der Weltenbummler selbst lautstark mit: "Man muss eine auff�llige Frisur haben oder sich einen pseudo-intellektuellen Touch geben."

Auch Markus Beckedahl von Netzpolitik.org und Mitorganisator der dieses Jahr rund 1400 Besucher anziehenden Konferenz f�hlte sich in seiner Nische wohl und zeigte keine Ber�hrungs�ngste zu anderen Bloggern in seinem Beritt. Er begr��te vielmehr, dass davon eine "netzpolitische Bewegung" ausgehe und freute sich �ber bloggende Mitstreiter im Kampf gegen Internetzensur oder rund um Datenschutzfragen.

Einig waren sich die Podiumsteilnehmer, dass ihre rechtliche Situation prek�r sei und dringend klarere Gesetze vor allem zur Haftung der Forenbetreiber n�tig seien. Beckedahl monierte, dass die Politik schon beim Erlass des Telemediengesetzes (TMG) eine Nachbesserung in diesem Bereich versprochen habe. Nun wolle das Bundeswirtschaftsministerium das Konstrukt zwar wieder anfassen, aber nur, um Websperren vorzuschreiben. Basic sah daher den Bedarf an einer professionellen Interessensvertretung f�r Blogger immer gr��er werden: "Jeder kann mich in Grund und Boden klage, nur, weil ich schreibe." Wenn das so weitergehe, sei mit einer "Internetrevolution" im Stile von 1848 zu rechnen.

Unterschiedlich nahm die Runde die neu dazugekommenen Selbstmitteilungsformen in sozialen Netzwerken oder �ber Twitter auf. Niggemeier empfand die Plattform f�r "Mikro-Blogging" als "Verlust", da sie zu kurzatmig und fl�chtig sei. G�ngige Eintr�ge in Blogs k�nnten dagegen zwar auch schnell sein, zugleich aber mehr Bestand haben. Pallenberg lobte Statusmeldungen etwa auf Facebook dagegen als "gute Erg�nzung" zum eigentlichen Web-Journal. Auch Beckedahl sah darin eine Anreicherung der Kommunikationslandschaft und hatte gleich eine Idee f�r ein aussichtsreiches Startup parat: "Es m�ssen Wege gefunden werden, um die Diskussionen wieder zusammenf�hren."

Der US-Blogforscher John Kelly hatte zuvor den Appell ausgegeben, die Blogosph�re "offen, frei, transparent und reich an unterschiedlichen Stimmen" zu halten. Seinen Messungen der Verlinkungen zwischen Blogs innerhalb verschiedener Sprachr�ume und zwischen diesen einzelnen Meta-Netzwerken h�tten ergeben, dass sich ein viel enger verkn�pfter sozialer Interaktionsraum ohne gro�e Grenzen zwischen einzelnen Mediengattungen entwickle. Das Diagramm zur deutschen Bloggerszene erinnerte ihn dabei an das Abbild der USA in seinen fr�hen Tagen, da die meisten Links noch auf die traditionellen Medien ausgerichtet seien. Diese Verkn�pfungen h�tten aber nur eine kurze Aufmerksamkeitsspanne. Einen "viralen", lang anhaltenden Charakter k�nnten dagegen vor allem Links auf YouTube-Videos annehmen. F�r Johnny Haeusler von Spreeblick.com sind Blogs zudem "im Mainstream" angekommen, erl�uterte der Mitveranstalter das Konferenzmotto "Shift happens": "Wir werden die ersten vernetzten Rentner sein, auch wenn wir keine Rente mehr kriegen."

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1 Comments:

At 10:19 AM, Anonymous Michael said...

Vielen Dank! Ich habe nicht das Gef�hl, etwas verpasst zu haben - aber nur dank des Beitrags.

 

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