2007-07-26

Das Schicksal von Terrorist 007 und anderen "Cyber-Dschihadisten"

--- Im Netz aktive Dschihadisten stehen aktuell im Rampenlicht der Medien. Spiegel Online etwa berichtet �ber einen der bekanntesten Propagandakrieger aus dem al-Qaida-Umfeld:
Der Cyber-Dschihadist "Irhabi007" war eine Legende - bis die Briten ihn 2006 festnahmen, weil er Anschl�ge in der realen Welt plante. Nun wurde er zu zehn Jahren Haft verurteilt. Die Details aus den Ermittlungen sind atemberaubend - und geben dem Fall eine neue Dimension. ... "Irhabi007" ... flog auf, weil islamistische K�mpfer aus Bosnien seine Kontaktdaten bei sich hatten, als sie verhaftet wurden. Die Spur f�hrte nach West-London, und "Irhabi007", �berraschung Nummer drei, war ein 22-j�hriger marokkanischst�mmiger Student der Informatik. Das war der Stand der Geschichte von Younis Tsouli a.k.a. "Irhabi007" - bis vorletzte Woche. Denn nun sind Details aus den Ermittlungen an die �ffentlichkeit gelangt, die dem Fall eine v�llig neue Dimension geben: Das 22-j�hrige Computer-Kid war kein Einzelt�ter, der mit ein paar Leuten vernetzt war. Er war Kopf einer regelrechten Unterst�tzerzelle f�r Dschihadisten in aller Welt, die unter anderem Anschl�ge in den USA, Europa und im Nahen Osten geplant haben sollen. Er hatte �berdies sogar einschl�gige Verbindungen bis hin zur irakischen Qaida-Filiale. Zur Finanzierung ihrer sinistren Zwecke haben Tsouli und seine beiden Mitverschw�rer, Waseem Mughal und Tariq al-Daour, laut "Wall Street Journal" unter anderem die gestohlenen Zugangsdaten von 37.000 Kreditkarten besorgt und damit insgesamt 3,5 Millionen US-Dollar erschwindelt. Mit dem Geld betrieben sie Webseiten, kauften aber auch Hardware - namentlich GPS- und Nachtsichtger�te, Schlafs�cke, Hunderte Prepaid-Handys, 250 Flugtickets von 46 Airlines, sowie Messer und Zelte. F�r wen die Gaben genau bestimmt waren und ob sie auch ausgeliefert wurden, ist noch unklar - aber dass es bei all dem um die Unterst�tzung dschihadistischer K�mpfer ging, ist verschiedenen Presseberichten zufolge unstrittig. Desweiteren wurden auf Tsoulis Rechner Daten gefunden, die Kontakte zu Dschihadisten auf der ganzen Welt belegen - und die auf m�gliche Terrorpl�ne hindeuten. So gab es einen Ordner mit dem Titel "Washington" auf dem Laptop, in dem sich zum Beispiel Videoaufnahmen des Kapitols, der Weltbank und eines Lagers f�r Treibstofflaster fanden. In Atlanta und in Kanada soll Tsouli �berdies mit weiteren Verschw�rern an Plots gearbeitet haben - es gab angeblich Pl�ne, den US-Flugzeugtr�ger USS "John F. Kennedy" zu versenken und Nachtclubs anzugreifen. Laut "New York Times" berichtete Tsouli eines Tages seinem Kumpel Mughal, er sei von al-Qaida im Irak gebeten worden, deren Online-Magazin "Dhirwat al-Sinam" ("Der h�chste Punkt des H�ckers eines Kamels") ins Englische zu �bersetzen. Am Ende wurde Tsouli �brigens "nur" f�r Aufruf zum Mord verurteilt - es war anscheinend zu kompliziert, die �brigen Verbrechen in eine gerichtsfeste Anklage zu �berf�hren ... Die F�lle der Aktivit�ten von "Irhabi007" ist indes in jedem Fall atemberaubend - und das nicht nur wegen der kriminellen Energie und Kreativit�t, die daraus spricht. Sie zeigt vielmehr, wie einfach es f�r einen intelligenten Aktivisten heute geworden ist, aus dem Nichts zu einem wichtigen Knotenpunkt des internationalen islamistischen Terrorismus aufzusteigen. Vor zehn Jahren w�re jemand wie Younis Tsouli vielleicht nicht einmal in ein Qaida-Lager eingelassen worden. Heute dagegen kann er das ganze gro�e Rad drehen - mit Hilfe eines Laptops und einer Internet-Verbindung. Weil die neue al-Qaida keine hierarchische Kaderorganisation mehr ist, sondern ein offenes Mitmach-Netzwerk, eine Art Wiki-Qaida hat das alte Modell abgel�st.
�ber einen deutschen Fall gibt es dagegen mehr bei Telepolis: Am Mittwoch begann vor dem Oberlandesgericht in Schleswig der Prozess geben einen Marokkaner. Die Anklage der Bundesanwaltschaft lautet auf "Unterst�tzung" der al-Qaida und Gr�ndung einer terroristischen Vereinigung. F�r Oberstaatsanwalt Matthias Krau� hat das Verfahren "Pilotcharakter". Redouane El-H. soll n�mlich fast alles, was ihm vorgeworfen wird, im Internet begangen haben. Bei dem Prozess soll nicht nur eine halbe Million Dateien von der bei einer nicht-virtuellen Hausdurchsuchung beschlagnahmten Festplatte des Angeklagten als potentielles Beweismaterial dienen, sondern auch zahlreiche Chat-Protokolle, die aus der �berwachung seines Internetanschlusses stammen. Au�erdem seine mitgeschnittenen VoIP-Telefonate. ... Bedenklich stimmt allerdings, wie sehr das Virtuelle von der Staatsanwaltschaft in der Anklage mit dem Reellen vermengt, ja, selbst zum Reellen erkl�rt wird: Etwa, wenn dem Marokkaner vorgeworfen wird, Osama bin Laden �ber das Internet einen "Treueschwur" geleistet zu haben. Als vor vielen Jahren die erste Website f�r Online-Beichten aufkam, wurde es ein beliebter Sport, dort die abstrusesten Verbrechen vorzubringen � ohne Ironietags, versteht sich; aber trotzdem ohne diese Taten wirklich begangen zu haben. Und auch ohne an irgendeine spirituelle Wirkung dieser Beichte zu glauben. Von einem Teil der von der Bundesanwaltschaft vorgebrachten Vorw�rfe ist es nur ein kleiner Schritt bis hin zum reinen "Informationsdelikt" � bisher wurden solche Informationsdelikte nur in wenigen Ausnahmef�llen umgesetzt: in den 1990er Jahren bei der Kinderpornographie und vor vier Jahren mit der "Urheberrechtsreform". Derzeit ist eine Tendenz beobachtbar, die in Richtung einer radikalen Ausweitung dieser Informationsdelikte geht: So soll etwa der Abruf von "Bombenbauanleitungen" im Internet strafbar gemacht werden.

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