2006-06-27

Reden wir �ber uns!

--- Heute findet sich ein �u�erst lesenswerter Artikel im Handelsblatt mit dem Titel: "Reden wir �ber uns!". Frank A. Meyer, Journalist im Schweizer Ringier Verlag, geht dabei der Frage nach, was wir Journalisten f�r eine Aufgabe haben und wie sich demgegen�ber das Selbstverst�ndnis ge�ndert hat. "Noch nie habe ich dieses neue journalistische Selbstverst�ndnis so unverh�llt erlebt wie jetzt gerade in Deutschland. Vierzig Jahre lang betrieb ich meinen Beruf im Bem�hen, als politischer Journalist dem Begriff Medium gerecht zu werden. Das hei�t: Vermittler zu sein von Meinungen und Stimmungen und N�ten und Freuden. Auch betrieb ich mein Metier im Bewusstsein, nur eine Stimme zu sein unter vielen Stimmen. Schlie�lich war ich stolz darauf, dass mein Berufsstand mit all den eigensinnigen und eigenst�ndigen Kollegen die Vermittlerrolle wahrnahm zwischen den verschiedenen Kr�ften der Gesellschaft, zwischen den verschiedenen Str�mungen der Gesellschaft, vor allem zwischen den B�rgern unterschiedlichster kultureller und sozialer Herkunft. Auch hier bin ich irritiert, sogar befremdet: Da diese neu erwachte Medienmacht gegenw�rtig ungehalten ist, �berlegt sie sich � anders kann ich es nicht lesen �, ob sie der gew�hlten Regierung ihre Gunst entziehen will oder nicht. Wie ich es verstehe, kann sich die Regierung auch bessern, indem sie den Medien liefert, was diese fordern, n�mlich Hauskrach und Spektakel." Harter Tobak von einem, der uns Deutsche beobachtet. Seine These: Alles und alle m�ssen sich den Medien unterordnen. Zu fragen ist aber - und das tut Meyer - wer wen wie beinflusst und ob nicht die Gegenseite auch ihrerseits alles unternimmt, um mediengerecht daherzukommen. Meyer: "Die m�chtige, die unbeirrbare, die dogmatisch immer noch so gefestigte katholische Kirche hat erfahren m�ssen, dass die Medien die gr��ere Macht sind als der Vatikan. Sie erinnern sich an das qu�lend langsame Sterben des Papstes Johannes Paul II. Sie haben das Bild noch vor Augen, wie er moribund am Fenster sitzt, einen �lzweig hilflos in der zitternden Hand, den Mund aufgerissen, das Gesicht verzweifelt, der Stimme beraubt. Showtime mit einem Sterbenden. K�nnen wir uns darauf hinausreden, dass der Vatikan diese Inszenierung seinerseits betrieben habe? Der Vatikan hat sich den Anforderungen des Medienzeitalters angepasst. Er hat sogar Rituale angepasst. Das Beispiel: Seit Jahrhunderten pflegt der Vatikan, die Tore zu schlie�en, wenn der Papst tot ist. Auch diesmal wurde das Tor geschlossen. Doch durch die Hintert�r bat die Kurie eilfertig das Fernsehen an den Sarg. Auch der tote Papst hatte dem Anspruch der medial total vernetzten Weltgesellschaft zu gen�gen." Total und totalit�r, so Meyer, l�gen nicht weit auseinander. Meyer klagt, die Medien verk�men zu einer Kaste. Kerner, Beckmann und andere: Alle geben sich f�r Werbung her und das als Journalisten! Zeitungen krisieren sich nicht mehr sondern versinken im Mainstream, interviewen sich gegenseitig, um so Einzelnen von uns zu Stars zu erheben. Ja, und wer arbeitet da noch richtig als Journalist? Meyer: "So hat sich der Beruf ver�ndert, den ich in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts erlernte. Es war damals ein Laufberuf. Ich fuhr zu den Politikern, von denen ich etwas wissen wollte, zu den Beamten, Unternehmern, K�nstlern, Forschern. Ich lebte journalistisch von Begegnungen, von sinnlichen Eindr�cken, von Gesichtern, die meine Recherchearbeit begleiteten. Ich eilte zu Versammlungen und Protestm�rschen. Es war ein ununterbrochenes Kennenlernen anderer Menschen. Wie gestaltet sich der journalistische Alltag heute? Ich sehe sie gebannt am Laptop sitzen. Sie rufen ab, was andere schon formuliert haben. Sie schreiben Geschichten, die sie aus anderen, vorgeformten Geschichten im Netz verfertigen. Sie zeichnen Portr�ts aus biografischen Versatzst�cken und Ger�chten, wie sie im Internet in Unzahl zu finden sind. So werden Vorurteile und Falschurteile, Unwahrheiten und Unterstellungen �ber Menschen nicht nur konserviert, sondern auch regelm��ig neu aufbereitet. Oft sind es vernichtende Bilder, die so gezeichnet werden, in der Regel sind es Bilder voller H�me. H�me hat sich ja mittlerweile durchgesetzt als Stilersatz � Muckefuck statt Kaffee. Am Bildschirm l�sst es sich sehr bequem �ber Politiker oder Unternehmer journalistisch zu Gericht sitzen. Man begegnet den Opfern nur noch selten. Richter sollten f�r einige Monate ins Gef�ngnis gesteckt werden, bevor sie richten d�rfen. Dann w�ssten sie, was sie tun. Und Journalisten sollten einer Kampagne von Kollegen ausgesetzt werden. Dann w�ssten sie, was sie anrichten k�nnen. Mehr und mehr lebt unser Berufsstand vom Copy & Paste. Die Journalisten kopieren sich fortw�hrend selbst. Seit Jahren schon. Und wie es aussieht, auch in Zukunft. Ja, so viele � allzu viele � Journalisten verlernen es, fiebernd vor Spannung hinauszugehen und nachzusehen, bevor sie schreiben."
Diskussion im FORUM.

1 Comments:

At 6:03 PM, Anonymous macdet said...

das spricht aus meiner Seele. Was unternehme ich nicht alles um auf Mobbing-Schicksale und juristische Merkw�rdigkeiten aufmerksam zu machen.

Alles sehen weg. Nur ganz wenige Menschen und noch weniger Schreiberlinge sind gewillt was zu diesem aber auch alles beherrchenden Thema was zu schreiben.

macdet
-- zuerst war der Schrei --

 

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