2005-10-25

Al-Sarkawi: Terrormeister und Schwarzes Pferd

--- Die Schweizer Weltwoche widmet sich dem mythenumwobenen Phantom Abu Mussab al-Sarkawi diese Woche in einer ganzen Serie, die durchaus lesenswert und kenntnisreich geschrieben ist. Anscheinend hatten die Autoren auch Zugang zu BKA-Material (Paging Mr. Schily!), weil Konversationen Sarkawis mit Islamisten hierzulande detailliert wiedergegeben werden. Teil 1 zeigt seine Vergangenheit auf, Teil 2 widmet sich seinem Treiben im Irak und im Internet und setzt sich auf seine in Europa hinterlassenen Spuren, Teil 3 handelt vor allem von seinen Dschihad-Mitkriegern. Die interessantesten Details enth�lt der Mittelteil der "Saga":
Gebannt schaut Evan Kohlmann auf den kleinen Bildschirm seines Handys. Darauf l�uft ein Film. Ein Mann liegt im Gras, auf seinem Kopf ein Schuh. Ein Messer kommt ins Bild. Gurgeln. 20 Sekunden lang. Kohlmann kennt den Film. Er zeigt die Enthauptung eines CIA-Agenten im Irak, aufgenommen Mitte letzten Jahres. �Mit solchen Videonachrichten direkt aufs Telefon hat Abu Mussab al-Sarkawi die letzte Grenze im Propagandakrieg durchbrochen�, sagt er. �Damit kann er jetzt jeden erreichen, jederzeit, rund um die Welt.� Evan Kohlmann, 26, sitzt in einer Wohnung voller Computer mitten in Manhattan, �an der Front�, wie er sagt. Sein Schlachtfeld: das World Wide Web. Dutzende von einschl�gigen Sites besucht er, �24/7� � 24 Stunden, 7 Tage pro Woche. Dazwischen ein bisschen Schlaf. Kohlmann ist eine Art Privatdetektiv, sucht das Internet ab nach den neusten Spuren von Bin Laden, Sarkawi und Co. Terrorexperte lautet sein offizieller Titel schlicht. Er hat ein eigenes Informationsb�ro, Globalterroralert, mit zwei Mitarbeitern. �Unabh�ngig�, betont er. ... Kohlmann vergleicht die Sarkawi-Clips mit Werbefilmen der US-Armee, mit denen Rekrutierungsoffiziere in amerikanischen Highschools hausieren gehen. Hier wie dort wird Krieg als Abenteuer und Dienst f�r die Gesellschaft angepriesen. Die Amerikaner mit Flugzeugtr�gern, die in den Sonnenuntergang fahren, waghalsigen Kommandoaktionen und stolzen Offizieren in steifen Uniformen und gewichsten Stiefeln. Sarkawi l�sst seine M�rtyrer in die Luft fliegen, begleitet von martialischen Ges�ngen und in tiefem Vibrato gesprochenen Koranversen. Ein Teil des Propagandamaterials wird in Saudi-Arabien produziert. Aber den Produzenten und Webmastern sind keine geografischen Grenzen gesetzt. Sie k�nnen irgendwo sitzen, im Nahen Osten, in Europa, Asien. �Das Groteske allerdings ist�, sagt Kohlmann, �die Server der Terror-Websites sind bei uns in Amerika, in North Carolina zum Beispiel.� Die westliche Gesellschaft sei weit davon entfernt, das neue Ph�nomen zu begreifen, ist Kohlmann �berzeugt. ... Sarkawis Auftritt im Internet erf�llt einen prim�ren Zweck: Kommunikation. Einer der meistgesuchten M�nner der Welt, der zeitlebens nie einem Journalisten ein Interview gegeben hat, steht auf seinen Websites allein im Rampenlicht. Er allein diktiert. ... Sarkawi hingegen hat seine eigene B�hne, die er nach Belieben ausstaffiert und auf der er St�cke gibt, wie und mit wem es ihm gef�llt. Die Geiseln, der amerikanische Pr�sident, die europ�ischen Staatschefs und 155000 internationale Truppen im Irak � sie alle degradiert Sarkawi zu Statisten in einem sorgf�ltig inszenierten Drama. Sein Publikum � die westliche �ffentlichkeit und 1,3 Milliarden Muslime � schockiert und begeistert er nach Belieben. Sarkawi spielt seine Rolle sehr geschickt. Er mimt den R�cher der Unterdr�ckten, der die allm�chtigen Amerikaner herausfordert und die Muslime besch�tzt. ... Lange bevor er im Irak Schlagzeilen macht, ist Sarkawi bei den europ�ischen Ermittlern auf dem Radar. Doch er gibt R�tsel auf, ist �ein schwarzes Pferd�, wie sich ein Fahnder ausdr�ckt. ... Wer keinen Einblick in die Geheimdienstdossiers hat, verliert schnell den �berblick. Und selbst den europ�ischen Ermittlern erscheinen ihre Versuche, dem Netzwerk Sarkawis und seinen chemischen Terrorpl�nen auf die Spur zu kommen, �wie ein Stochern im Nebel�, klagt ein Fahnder. ... Sein wichtigstes Ziel hat Sarkawi bereits erreicht: den Sarkawi-Effekt. Er wirkt sich im Kampf und auf religi�sem Gebiet aus. Viele radikale Islamisten richten sich nach seinem Tun und Treiben im Irak aus. F�r die K�mpfer ist er ein vorbildlicher Anf�hrer. Enthauptungen in Afghanistan und Thailand sind eindeutig auf dieses �Vorbild� zur�ckzuf�hren. ... Sarkawi ist das Gegenteil von Bin Laden. Kein Sohn aus feinem Hause. Ungebildet. Rau. Impulsiv. Dennoch k�nnte er dem saudischen Terrorf�rsten innert kurzer Zeit den Rang ablaufen. Mit Gewalt, aber auch mit seinem scharfen Instinkt f�r Propaganda.
Und sonst: Weitere Einblicke in die Seelen der Gotteskrieger: Der Cyber-Friedhof der Dschihadis. Sie waren Medizinstudenten, Familienv�ter oder Kaufleute und endeten auf dem Schlachtfeld - zumeist als Selbstmordattent�ter: Spiegel Online liegen die Biografien von �ber 200 im Irak get�teten Arabern vor. Die im Internet kursierenden Nachrufe sind erschreckende Dokumente der Verblendung.

Cheney und sein Stabschef Libby m�ssen bangen, sind anscheinend doch st�rker als bisher bekannt in die CIA-Plame-Wei�es-Haus-Aff�re verwickelt. Hintergr�nde bei der New York Times: Cheney Told Aide of C.I.A. Officer, Lawyers Report: Lewis Libby Jr., Vice President Dick Cheney's chief of staff, first learned about the C.I.A. officer at the heart of the leak investigation in a conversation with Mr. Cheney weeks before her identity became public in 2003, lawyers involved in the case said Monday. Notes of the previously undisclosed conversation between Mr. Libby and Mr. Cheney on June 12, 2003, appear to differ from Mr. Libby's testimony to a federal grand jury that he initially learned about the C.I.A. officer, Valerie Wilson, from journalists, the lawyers said. Die Times steht derweil aber auch selbst weiter wegen ihres Fehlverhaltens bei der Aufdeckung der Aff�re unter Beschuss.

Sch�ner schn�ffeln: US-Regierung will f�r die CIA eine Ausnahme vom drohenden Folterverbot. Erstmals verlangt die US-Regierung damit explizit eine Foltergenehmigung - bis Morgen hat das Pentagon noch Zeit, einem Gerichtsurteil nach Freigabe weiterer Folterbilder von Abu Ghraib nachzukommen.

Es war zu bef�rchten: Die Warnung ist deutlich. US-Pr�sident George W. Bush hat Syrien mit Milit�raktionen gedroht, wenn die Regierung in Damaskus nicht ihre Politik gegen�ber Libanon, Irak und extremistischen Pal�stinensern korrigiert. Er nahm Bezug auf den Mehlis-Report zum Mord am libanesischen Politiker Hariri.

Adriano Celentano zelebriert das letzte St�ckchen Pressefreiheit gegen�ber Berlusconi: 50 Prozent Einschaltquote und w�tende Proteste der Regierung - mit einer Satire-Sendung �ber Meinungsfreiheit versetzte Italiens Star-Komiker Adriano Celentano das halbe Land in Aufregung und erz�rnte Silvio Berlusconi.

Was denn mit Thierse los? Erst wettert er �ber die Verdummung der Politik durchs TV -- und jetzt will er einen Talkshow-tauglichen SPD-Generalsekret�r. Hoffentlich hat er nicht zu viel ferngeschaut.

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2 Comments:

At 12:13 PM, Blogger Nat said...

Habe ich schon mal erw�hnt, dass die "Weltwoche" kein einziges Mal die Rove-Aff�re erw�hnt hat? Nachdem sie jahrelang nun den Hofberichterstatter f�r die Bush-Regierung gespielt hat (mit respektvollen Interviews mit allen Neocons), w�re das allzu peinlich...

 
At 6:28 PM, Anonymous Anonym said...

Spindoktor=Spiegel-Echo!

http://myblog.de/kewil

 

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