2005-09-26

Sloterdijk lehnt Umfragen ab

--- Philosophen, Philosophen von Hegel bis Kant - wer sind die Spindoktoren im ganzen Land? Der Pop-Philosoph Peter Sloterdijk schaltet sich in die Nachwahl-Debatte ein und hat die Demoskopen als Spindoktoren Nummer Eins geortet. Nach seinem herrlichen Ausspruch "Schr�der leidet nicht unter Realit�tsverlust, er genie�t ihn", fordert er ein Gesetz zur Eind�mmung von Meinungsforschung. Sie stellten eine "unlegitmierte Meinungsdiktatur" dar. In der Tat st�tzen sich die Medien stark auf diese Demoskopen, um von Stimmungsumschw�ngen und anderem zu berichten. Die Wahlergebnisse und die Prognosen der Demoskopen sprechen aber eine andere Sprache. So wie die Volksparteien nur noch schwer das Volk hinter sich bringen, weil es zersplittert und in Minderheiten unterteilt ist, schaffen es auch die Demoksopen nicht mehr, deren Pr�ferenzen exakt zu benennen. Kritisch setzt sich heute die FAZ mit dem Thema auseinander. "Auch Leute, die den Namen "Wolfgang Gerhardt" zum ersten Mal h�ren, werden zur Einsch�tzung gebeten, ob sie seinen Tr�ger gern als Au�enminister h�tten." Grotesk war gar die Umfrage eines Instituts im Auftrag der BILD, die nach der Wahl wissen wollte, wen die Deutschen als Kanzler haben wollten. Ja, wozu wurde denn wenige Tage vorher gew�hlt? Die FAZ jedenfalls lehtn trotz allem ein Gesetz gegen Meinungsumfragen ab und schl�gt vor: "Es ginge viel einfacher. Denn eigentlich fehlt nur eine Meinungsumfrage, in der zwei Drittel der Leute mitteilen, sie seien gegen Meinungsumfragen."

UPDATE: Im Handelsblatt �u�ert sich heute Gerald Wood, Chef der Deutschland-Zentrale des US-Marktforschers Gallup zu den deutschen Meinungsforschern:
"Wood: Der deutsche Markt f�r Wahlforschung wird von ganz wenigen Instituten beherrscht. Sie haben �berraschenderweise alle um 41 Prozent der W�hlerstimmen f�r die Union prognostiziert. Das bedeutet: Sie arbeiten alle mit �hnlichen oder gleichen Methoden, und m�glicherweise lief da auch etwas zwischen den Instituten. Ich k�mpfe seit Jahren im Unternehmensbereich daf�r, dass wir mehr Transparenz und ein neues Wertebewusstsein brauchen. Dieses In-einem-Bett-Liegen von Meinungsforschern, politischen Parteien und zum Teil den Medien, das gef�llt mir nicht.
Es ist also mehr als nur ein Problem der Meinungsforschungsinstitute?
Wood: Ja, die Politiker bedienen sich der Wahlforscher, die Medien sind mit im Spiel. Das ist die Deutschland AG in der politischen Meinungsforschung, und das muss man aufbrechen. Forsa, Allensbach, Infratest dimap, das ist wie ein Konglomerat, die beherrschen den Markt.
Werfen Sie den Wahlforschern vor, die Prognosen manipuliert zu haben?
Wood: Ich kann nicht �berpr�fen, ob eine Manipulation vorliegt, weil die Rohdaten und Methoden nicht vorliegen. Das ist �brigens einer der Missst�nde, �ber die man sprechen muss.
Sie werfen den Instituten keine Manipulation vor, sie ist aber auch nicht auszuschlie�en?
Wood: Genau. In den USA kann man alle Daten einsehen und nachrechnen, hier nicht, deshalb kann ich das nicht ausschlie�en."

4 Comments:

At 4:07 PM, Anonymous Anonym said...

Ach ja unser Fachdilettant vom ZKM hat sich mal wieder eine Meinunga abgerungen, nachdem 2647 andere �hnliches berichteten...

Zur Demoskopie habe ich ja schon auf meinem Blog (wissen.blogger.de) vor einigen Tagen etwas berichtet. Ich denke, dass Statistik nicht als Quasi-Nachweis oder gar empirische Begr�ndung benutzt werden sollte. Es ist halt eine Spielerei, die voraussetzt, dass Menschen immer die Wahrheit sagen. Solche Pr�missen sind per se eher theologische bzw. ethische Probleme. Damit disqualifiziert sich eh ein Gro�teil der Sozialforschung. Dass aber jetzt pl�tzlich alle bemerken, dass befragte Menschen l�gen, verwundert. Denn gerade Politiker m�ssten aus eigener Praxis einen �konomischen Umgang mit der Wahrheit kennen.

Der Herr von Gallup hat eben eine Existenzangst zu bek�mpfen und muss die Kohlen aus dem Feuer holen, was im weder substanziell noch tendenziell gelingt. Aber wer den geistigen Horizont von social sciences in USA kennt, wei� warum. Durch Multiple Choice ist jedenfalls noch keine Grundlagenforschung begr�ndet worden...

Ad�

Morvagine

 
At 7:04 AM, Anonymous Schoggo-TV said...

Die Meinungen anderer haben immer einen Einflu� auf jene derer, die sich unsicher sind und nach Orientierung, Validierung u./o. Konsens suchen.*
Im Prinzip ist es deshalb egal, ob die Ergebnisse von Umfragen eine hohe G�ltigkeit besitzen bzw. wie diese zustande gekommen sind: sie wirken.
Ich kann Sloterdijk zustimmen, wei� aber auch keinen Ausweg aus dem Dilemma.
(* s.a. Festinger, Schachter, Asch)

 
At 1:44 AM, Blogger laotse90 said...

Schr�der ist seiner Zeit weit voraus, sehr weit, und vielleicht merkt er es selbst noch nicht einmal, aber das denke ich nicht. Sein regiereungsstil hat leider nicht in das noch immer post(?)-monarchistische obrigkeitsgl�ubige Deutschland gepasst. In jenes von Adenauer, Strauss, und Kohl (und vielleicht auch ein bisschen von Schmidt) restaurierte bismarckianische Gebilde.
Sloterdijk hat nicht erst seit heute diese Meinung. 1986, 1991, 1999, und 2001 hielt er Vortr�ge, die philosophisch der aktuellen politischen Einmischung vorangehen, und die man halt mal genau lesen m�sste. Z.B. "Tau von den Bermudas": hier diagnostiziert er ganz unpolitisch das kommende Zusammenbrechen der Dichotomien, die allgemeine Ratlosigkeit. Schr�der ist sozusagen, in Sloterdijks Begriffen, in Ans�tzen leider nur, der erste fr�h-komplexe Kanzler gewesen. Fr�h-komplex? Das Gegenteil davon w�re in etwa "sp�t-binaristisch", was f�r die mentale Hygiene etwa soviel wie "post-viktorianisch" im politischen Verhau bedeutet.
Realit�tsverlust ist grossartig (siehe Schr�der), dar�ber sollte eine breite Diskussion einsetzen im idealistischen Jammertal der Welt (was Sloterdijk ja schliesslich auch bezweckt), denn damit w�rden ganz neue, komplexologische, topologische oder gar rhizomatische Verh�ltnisse in der sozialen Befindlichkeitssph�re anbrechen. Nicht mehr cartesianisch-germanische Eindeutigkeit sondern kreatives Einlassen auf das Unbekannte st�nde dann an, in der Erkenntnis, dass Realit�t auch nur ein Modell ist (G.Roth). Demoskopie erscheint vor diesem Hintergrund als die Perversion links-rechts-mittig Hegel'scher Eindeutigkeitsphantasmen als Vorl�ufer f�r den bundesdeutschen "Reformstau" .
Sloterdijk als Berater f�r ein andauerndes Pr�sidialkonzil? wahrscheinlich nicht das schlechteste :) (siehe auch seine Bemerkungen zum Thema "Stau" und Politik in Deutschland:: http://www.welt.de/data/2005/03/22/614427.html)?

 
At 3:42 AM, Anonymous Anonym said...

Befreiung ist Alles
Befreit euch selbst....

 

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