2004-10-30

Der Terrorf�rst meldet sich im US-Wahlkampf zu Wort

--- Ruhig redet er, erhebt nur ab und an mahnend den Zeigefinger der rechten Hand, das Waffen- und Koranged�ns hat er abgelegt: Osama bin Laden hat sich in einer seiner ber�hmten Videobotschaften direkt an das amerikanische Volk gewandt und gibt sich darin �berraschend diplomatisch und "staatsm�nnisch", wie viele Kommentatoren bemerken. Er erl�utert die Beweggr�nde der Gotteskrieger f�r die Zerst�rung der Twin Towers am 11. September und den gesamten Feldzug gegen die USA und ihre Verb�ndeten ("Wir haben Euch bek�mpft, weil wir frei sind ... und wir wollen die Freiheit f�r unsere Nation wieder erlangen. Wenn Ihr unsere Sicherheit untergrabt, dann untergraben wir die eure"). Angeblich ist bin Laden die Sehnsucht zur Zerst�rung der T�rme gekommen, als er in den 1980ern die israelischen, von den USA geduldeten und unterst�tzten Angriffe auf den Libanon sah und dort ebenfalls "T�rme" einst�rzten, was die Vergangenheit ziemlich kittet und einen sehr direkten, auch rechtfertigenden Bezug zwischen beiden Ereignissen herstellen soll. Ansonsten rechnet bin Laden mit der Bush-Dynastie ab, vergleicht den alten Bush mit den arabischen Despoten und spottet �ber George W., weil dieser sich bei der Benachrichtigung �ber die New Yorker Anschl�ge in einer Schule in Florida weiter aus einem Bilderbuch �ber "Ziegen" und �hnliches Getier vorlesen lies. In den Wahlkampf mischt sich bin Laden erst am Ende inhaltlich direkt ein, indem er sagt: Eure Sicherheit liegt nicht in den H�nden von Kerry, Bush oder al-Qaida. Eure Sicherheit liegt in Euren H�nden. Dass es f�r die Gotteskrieger kaum einen Unterschied macht, wer nun eigentlich das Ruder als Staatsmann in den USA schwingt, haben sie aber ja auch bereits deutlich gemacht. Bin Laden will mit den "Despoten" an der Spitze nichts zu tun haben, er fordert anscheinend eine Art wahre Volksherrschaft, obwohl der von ihm pr�ferrierte internationale islamistische Gottesstaat damit wohl wenig zu tun haben d�rfte. Nun wird viel dar�ber spekuliert, wem die �berraschende Wortmeldung des Terrorf�rsten kurz vor der US-Wahl am meisten n�tzt: Vielleicht gen�gt Bin Ladens pl�tzliches Erscheinen in der hei�en Phase des US-Wahlkampfes, um Bush ins Ziel zu bringen. Denn die gro�e Mehrheit der Amerikaner traut Bush bei der Bek�mpfung des Terrorismus mehr zu. Deshalb k�nnte die Erinnerung an die Gefahr dem Amtsinhaber nutzen. Bin Laden hat Bush den Gefallen getan, die Aufmerksamkeit vom Chaos im Irak weg zu lenken. Andererseits wird Bin Ladens Fernsehauftritt viele Amerikaner auch schmerzlich daran erinnern, dass ihr Pr�sident zwar zwei Kriege f�hrte, in denen hunderte US-Soldaten starben, aber der Staatsfeind Nummer eins noch immer unbehelligt den internationalen Terror orchestrieren kann. Aber das sind wohl wirklich alles reine Spekulationen. Es ist wohl wirklich eher der Showefffekt, auf den es bin Laden angelegt hat: Nicht Bush pr�sentiert seinen Kopf kurz vor den Wahlen als wichtiges Propagandaelement, sondern er selbst zeigt sich seinen Anh�ngern als "Spiritus Rector" und dem Rest der Welt als gesunder, sich gar besonnen gebender F�hrer. Und nat�rlich ist das Timing bei dieser "doppelten Botschaft" wieder perfekt: Geduld und Verharrungsverm�gen gelten Islamisten und Dschihadisten als Tugenden von herausragender Bedeutung; in jedem Qaida-Strategiepapier, in jeder Dschihad-Anleitung wird darauf verwiesen, wie wichtig es ist, auf den richtigen Moment warten zu k�nnen. Osama Bin Laden hat in seiner Videobotschaft heute erneut gezeigt, dass er der ungeschlagene Meister in dieser Disziplin ist: Er demonstriert, dass er allen Verlockungen widerstanden hat, �berm�tig und stolz zu beweisen, dass er noch lebt und seinen H�schern bislang entrinnen konnte. Stattdessen hat er auf einen Moment gewartet, der perfekter nicht h�tte gew�hlt sein k�nnen: Mitten im Muslimen als gesegnet geltenden Fastenmonat Ramadan, an einem Freitag, und das auch noch wenige Tage vor den Pr�sidentschaftswahlen in den USA, hat er sich ge�u�ert. Diese Tatsache wird von seinen Sympathisanten ohne Zweifel als weiterer Ausweis seiner spirituellen F�hrungsqualit�t gewertet werden. Auf einen anderen interessanten Aspekt weist Telepolis hin: Ins Spiel geraten k�nnten jedoch auch konkurrierende islamistische Gruppen, beispielsweise die von Sarkawi, wenn denn dieser noch leben sollte. Sie k�nnten sich nun gen�tigt sehen, die Medienaufmerksamkeit durch entsprechende Anschl�ge oder Entf�hrungen wieder auf sich zu lenken. Auch im Lager der Terroristen finden Wahlk�mpfe im Scheinwerfer der Medien statt. Nur dass die wichtigste Gruppe hier nicht gew�hlt wird, sondern sich durch ihre Propagandataten durchsetzt.



Das etwa f�nfmin�tige Video selbst (auf arabisch, al-Dschasira, dem es zugespielt wurde, zeigte die Ausschnitte) ist bei Ogrish.com zu finden (es empfiehlt sich aber, diese Seite nur sehr selektiv zu nutzen), eine komplette englische �bersetzung gibt es beim NEIN.

Update: Video und verschiedene �bersetzungen inzwischen auch bei Zombietime. Zudem streicht Br�ckers in Telepolis die Widerspr�chlichkeiten der Aussagen bin Ladens heraus.

Update II: Al-Dschasirat hat inzwischen den kompletten Text der "Ansprache" online gestellt. National Review kommentiert in Bezug auf die nun klarer werdende Intention bin Ladens: After seeing it we can safely put him in the "anybody but Bush" column. ... It is not a generic anti-American screed, as the original Al Jazeera edit was clearly meant to imply. The video is an appeal by Osama bin Laden to the American electorate to cast their votes against George Bush. Knowing that, remember, as Osama says, your security is in your own hands.