2004-03-24

Cicero: Denken statt schreiben

--- Ab morgen gibt es Cicero am Kiosk, das neue politische Magazin der etwas anderen Art etc. und ganz klar ein Intellektuellenblatt. Der Spindoktor hat vorab schon mal reingeschaut. Was als erstes auff�llt: Dem Titelbild zum Trotz (ja, das soll unser Gerd sein, gesehen von J�rg Immendorf (der lebt noch?), exklusiv nat�rlich): die Fotos im Innenteil sind Spitze, fast nur schwarz-wei�, bunt ist vor allem die �berraschenderweise erst mal recht zahlreich gebuchte (hoffentlich nicht verschenkte) Werbung. Bei den Texten fragt man sich allerdings auch immer wieder, ob diese Autoren wirklich noch leben. Nat�rlich haben sie Klang und Namen: Hellmuth Karasek, Umberto Eco, Maxim Biller und Wladimir Kaminer. Aber haben diese "Stars" tats�chlich etwas zu sagen? Den Kaminer etwa kann man in jedem zweiten deutschen Feuilleton lesen, und "politisch" denkt der Russendisco-Rocker eigentlich auch nicht. �berhaupt alles etwas mehr bunte Seite und Vermischtes als Spiegel, Focus oder gar Atlantic Montly. Ganz f�r den Anfang hat die Redaktion unsere Madeleine-"Wir-f�hren-Krieg-im-Kosovo"-Albright ausgegraben -- nicht gerade der Inbegriff einer Meisterdenkerin f�r ein Autorenblatt. Die Redakteure, die laut dem Schweizer Geldgeber Michael Ringier aber vor allem denken, und weniger schreiben sollen, m�ssen also f�r die n�chsten Ausgaben noch etwas progressiver denken. Denn sonst zahlt die satten 7 Euro wohl nur noch ein zu kleiner Kreis, um das Vorzeigeprojekt am Leben zu halten. Und wenn das Ding keine Kasse macht, dann ist es gleich wieder weg, das hat Ringier vorab erfrischend ehrlich auch schon klar gemacht. Aber, wie gesagt, sch�ne Fotos, kurze, manchmal zu kurze Texte, am Interessantesten vielleicht noch die Interviews, unter anderem mit Schr�der und K�hler. Zur ausgleichenden Gerechtigkeit darf Gegenkandidatin Gesine Schwan auch noch ihren Hals recken. Alles also h�bsch balanciert, aber vielleicht ist das just das Manko: Der konservative Chefredakteur Wolfram Weimer (ehemals Morgenpost/Welt) wei� nicht so genau, in welche politische Ecke er nun eigentlich will. Die erste Ausgabe braucht also wirklich keiner, da hat Ringier mit seinem entsprechenden Sinnspruch schon recht. Aber hoffentlich dann die zweite oder die dritte, denn die wirds ja sicher noch geben. Und ansonsten n�chste Woche gleich weiterlesen, Florian Illies kommt mit seinem neuen Golf, �h, mit Monopol, dem "Magazin f�r Kunst und Leben". Der prominente Autor drohte schon an, dass er in dem Blatt nat�rlich auch des �fteren selber schreiben w�rde. Mehr zu Cicero in der Netzeitung und auch immer mal wieder im Dienstraum.
Zusatz (dhs): In der Tat ist Cicero eine Lekt�re, bei der man sich fragt, weshalb jetzt das noch? Zwar wimmelt es vor Prominenz, nur wirken zahlreiche Texte nicht so, als seien sie eigens f�r Cicero verfasst worden. Die Crew wird in der Tat noch mehr dar�ber nachdenken m�ssen, wie man "politische Kultur", die sie sich ja auf die Fahne geschrieben haben, journalistisch umsetzt und sich so vor allem abhebt und unentbehrlich macht. Die Idee selbst ist gut und verdient zumindest eine zweite Chance.

Update: B�se Worte zu Cicero von Spiegel Online, wo das Blatt inzwischen auch mal jemand gelesen hat: Nein, "Cicero" ist nicht der Hort einer "Krawallprosa aus dem rechten Winkel des Salons", wie die "Zeit" meint. Viel eher ist "Cicero" die neue Heimstatt des Deutsch-Aufsatzes aus dem Geist der Oberprima, der elegant geheftete Leitartikel f�r den ganzen Monat und f�r alle Gelegenheiten.

cicero.html